Bergbild1

Trennungs- und Scheidungsberatung

Referat vom 28.01.2014
Trennungen und Scheidungen von Paaren haben in den zurückliegenden 30 Jahren die gesellschaftliche Realität von Ehe und Familie entscheidend verändert. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland beispielsweise ca. 180.000 Ehen geschieden. Die Zahl der von einer Scheidung betroffenen Kinder liegt bei etwa 150.000. Diese Zahlen zeigen auf, in welchem Umfang Trennung und Scheidung inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Damit hat sich selbstverständlich auch die Beratungslandschaft verändert.

Auch seitens der Gesetzgebung wird stärker auf streitschlichtende und kompetenzfördernde Aufgaben statt auf justizförmige Entscheidungen gesetzt.
Dies wird nicht zuletzt durch das im Juli 2012 in Kraft getretene Mediationsgesetz deutlich.
Trennungs- und Scheidungsberatung sieht Trennung und Scheidung nicht als ein einmaliges Ereignis, sondern als einen komplexen Veränderungsprozess an, der zwei Jahre und länger dauern kann.
Ein Scheidungszyklus umfasst mehrere Phasen. Jede Phase bringt neue Anforderungen und Probleme mit sich, deren Bewältigung von den jeweils vorhandenen Ressourcen und Problemlösungsstrategien abhängt.
Diese Phasen durchlaufen alle beteiligten Paar- bzw. Familienmitglieder.
Das Beratungskonzept sollte sich daher zum einen auf die verschiedenen Phasen von Trennung und Scheidung beziehen, zum anderen sollte es die verschiedenen Ebenen (Systeme) von Individuum, Paar, Familie und Umwelt im Auge haben.
Setzt man die Phasen und die Ebenen zueinander in Beziehung, so könnte ein Beratungskonzept u.a. beinhalten:

  • Individuell: Vermittlung in Einzelberatung zu den Phasen der Ambivalenz, Trennung, Scheidung und Nachscheidung
  • Paar: Mediation in den einzelnen Phasen
  • Familie und Umwelt: Vermittlung in Familientherapie, Systemische Therapie während der Ambivalenz;
    Trennungs-, Scheidungs- und Nachscheidungsberatung sowie Mediation.

 

„Beratung“ im Sinne des KJHG = Kinder- und Jugendhilfegesetz sollte als ein übergeordneter Fachbegriff für spezielle fachliche Angebote stehen:

  • Vermittlung in Einzeltherapie, Familientherapie, Systemische Therapie
  • Ambivalenzberatung (Phase 1)
  • Information zu Trennung und Scheidung
  • Trennungs- und Scheidungsberatung (Phase 2)
  • Ambivalenz – Mediation
  • Trennungs- und Scheidungsmediation (Phase 3)
  • Beratung in der Nachscheidungsphase (Phase 4)
  • Familienmediation in der Nachscheidungsphase

Die Beratung sollte sich sowohl mit intra- und interpsychischen Fragen als auch mit rechtlichen und finanziellen Sachfragen beschäftigen.
Hier also der Kontext zwischen der inneren (psychischen) und der äußeren (juristischen) Scheidung.
Auf die Inhalte der Beratungen zu den einzelnen Phasen der Trennung und Scheidung kann in diesem Referat aus Zeitgründen nicht eingegangen werden.
Die Beratung erfordert selbstverständlich großes Wissen, aber auch Einfühlungsvermögen im psychologischen Bereich bei den verschiedenen Familiensystemen, z.B. minderjährige Kinder, keine Kinder, erwachsene Kinder, Einigkeit oder Uneinigkeit der Partner über die Scheidung als solche, Trauerbewältigung, Orientierung an neuen Lebenszielen.
Der Berater wirkt ab der 2. Phase eher als neutraler Dritter, als Mediator. (Elternvereinbarung/Umgangs- Sorgerechts-Mediation/Teil-Mediation).
Der Prozess der Gespräche wird vom Mediator gestaltet und verantwortet, die Inhalte der Vereinbarung werden von den Eltern getroffen und verantwortet.
Der Berater kann:

  • Nur mit den Eltern arbeiten (Elternvereinbarung erarbeiten)
  • Die Kinder direkt oder indirekt einbeziehen
  • Informationsabende für Eltern zu Trennung und Scheidung geben
  • „Selbsthilfegruppen für getrennt Lebende“
  • „Kindergruppenangebote“ für Kinder deren Eltern getrennt leben

Während der Nachscheidungsphase hilft der Berater hauptsächlich die neuen Familienstrukturen zu unterstützen. Dabei ist die Kunst, für alle Beteiligten der Scheidung die jeweiligen, oft auch verdeckten Anteile anzusprechen und zum Wohle der neuen Situation zu verändern.
Zusammenfassend sind für die Beratungsarbeit (Wissensbereich) bei Trennung und Scheidung sehr wichtig:

  • Viel zusätzliches Fachwissen – sei es als Hintergrundwissen oder als fächerübergreifendes Wissen.
  • Er muss die Phasen kennen und erkennen, in welcher Phase sich die Rat Suchenden befinden, wie ihre emotionalen Befindlichkeiten in der jeweiligen Phase aussehen.
  • Welche Entscheidungen und Regelungen stehen zum jeweiligen Zeitpunkt an.
  • Er sollte die Psychodynamik von Paaren und Familien in den verschiedenen Phasen kennen und sich damit vertraut machen.
  • Er sollte die typischen Reaktionen von Kindern und Jugendlichen auf die Trennung und Scheidung der Eltern kennen und einschätzen.
  • Juristisches Grundwissen zum Familien- und Prozessrecht, aber auch im Sozial- und Steuerrecht.
  • Aber auch seine eigenen „Fallen“ zum Thema, sein eigenes Verhältnis dazu.

 

Qualifikationsanforderungen an den Berater:

  • Psychosoziales Grundstudium
  • Zusätzliche Seminare zu den Bereichen Familienrecht, Sozial- und Steuerrecht.
  • Seminare zur Familienmediation
  • Seminare zur systemischen Familientherapie
  • Regelmäßige Supervision, Arbeit in interdisziplinären Fachteams
  • Fähigkeit mit den anderen Fachdisziplinen zu kooperieren

Zukunftsperspektiven:
Die Normalität von Trennung und Scheidung wird noch selbstverständlicher werden. Mit deren Vielzahl wird die klassische Erstfamilie zur Minderheit werden; die Familien werden sich wandeln zu einer Vielzahl von Familienformen: Zweitfamilien, neu zusammengesetzte Familien, Ein-Eltern-Familien, Adoptionsfamilien, Pflegefamilien, Inseminationsfamilien (Kinder sind aus künstlicher Befruchtung hervorgegangen).
Damit werden sich auch selbstverständlich die Beratungsinhalte verändern.
Zudem werden immer mehr Eltern und Rat Suchende ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich regeln wollen. In dem Maße, in dem sich die Erstfamilie mit der klassischen Rollenfestschreibung weiterentwickelt zur „Verhandlungsfamilie“ wird auch bei Trennung und Scheidung der Gedanke „eigenverantwortlichen Verhandelns“ zunehmen.
Insoweit wird sich neben der Beratung auch die Familien-Mediation als klassisches Angebot bei Trennung und Scheidung etablieren.

Quelle:
Psychologisches Institut Heiner Krabbe, Hafenweg 26b, Münster

Kommentar schreiben